Kündigung und eigene Anträge vs. die prekäre Beschäftigung

Verschiedene Menschen werden Unterschiedliches an der dieser Tage beschlossenen Novelle des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes bemängeln. Ich vermute aber, dass die Novelle durchaus das Problem angeht, das die Politik meint zu sehen. Allerdings denke ich, ist diese Analyse falsch, widmet sich die Novelle der falschen Problemstellung. Sie ist insofern falsch, als sie nur einen kleinen Teil des Problems aufgreift. Sie ist falsch, als sie in keiner Weise für “Planungssicherheit für Wissenschaftler” sorgt oder “Verlässliche Karrierewege für junge Wissenschaftler” ermöglicht. Andererseits treffen die Problemanalysen der Medien (z.B. Die Zeit) auch nicht zwangsweise zu, wenn sie als Patentrezept mehr feste Stellen und mehr Professuren fordern. Zwar würden diese möglicherweise das wahre Problem lösen, sie sind aber ein Luftschloss, eine Utopie, zu der es nicht kommen wird.

Warum aber ist die Problemanalyse der Politik falsch. Es zeigt sich schon im Titel des Werbetextes aus dem September: “Verlässliche Karrierewege für junge Wissenschaftler”. Wir reden nicht mehr nur von Planbarkeit für junge Wissenschaftlerinnen sondern von einem Zukunftsbild für alle wissenschaftlich Beschäftigten ohne Festanstellung. Zwar sind dies in der Mehrzahl die Promovierenden und Postdoktoranden, allerdings sind diese nicht zwangsweise “jung” . Es gibt genug Wissenschaftlerinnen, die ihre Karrieren zwischenzeitlich unterbrochen hatten, oder erst spät zur Wissenschaft kamen. Zudem gehören zu den Betroffenen zahlreiche Wissenschaftlerinnen, die eben nicht zwangsweise in die Klasse der “Early Career Researchers” fallen, wie die internationalen Wissenschaftsorganisationen die Wissenschaftlerinnen am Beginn ihrer Karriere nennen, also jene, die ihren Doktor nicht in den letzten um die 7 Jahren erhielten.

Aber es geht auch nicht nur um Karrierplanung. Es geht darum, den Mitarbeiterinnen zu ermöglichen, sich ihrer Arbeit konzentriert und vollständig (im Rahmen eines Arbeits-Lebens-Gleichgewichts) zu widmen, statt viel Energie dafür aufzuwenden, zu überlegen was in sechs Monaten, einem Jahr, drei Jahren sein wird, statt also dauernd zu wissen, man muss sich dann erneut vollkommen umorientieren. Es geht darum, dass die Befristung verhindert, im Leben und an einem Ort anzukommen. Zudem betrifft die Befristung nicht nur den Befristeten sondern auch die Partner, Kinder, Familien.

Die einfache Lösung ist, und dies wird nicht nur von den Medien vorgeschlagen, mehr feste Stellen zu schaffen. Machen wir eine Rechnung. Im Jahr 2010 gab es in Deutschland etwa 25000 Doktorabschlüsse etwa 8000 davon in den Naturwissenschaften. In vielen Fächern ist der Doktor zwar nicht nur Voraussetzung für eine Forschungskarriere sondern für den Sprung in die Industrie oder die Privatwirtschaft, aber diese Zahlen lassen sich beliebig rechnen, ohne dass es sinnvoll erscheint, jährlich tausende neue feste Stellen zu schaffen. Ausblickend darf allerdings gefragt werden, wie sich die Hochschulen zwischen 2022 und 2036 entwickeln werden, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen sollten.

Das Problem der Flut an Promotionen ist kein spezifisch deutsches. Es ist mehr oder weniger global, und die Frage, was mit den ganzen Titelträgern geschehen soll, wird in allen Industrienationen diskutiert. Allerdings sind Antworten ebenso landesspezifisch wie die Ausprägung des Problems. Der einfache Vorschlag, weniger Absolventinnen promovieren zu lassen, ist keine Lösung. Er sorgt nur dafür, dass die Zukunftsunklarheit eine Stufe weiter nach unten gereicht wird. Allerdings sollte durchaus bedacht werden, dass viele Tätigkeiten in der Wissenschaft ebensogut von einem Masterabsolventen gemacht werden können, und der Doktortitel wie auch früher die spätere Habilitation weniger Hauptzweck der Arbeit sein sollten, als der Idee der Weiterqualifizierung dienen. So steht es meinem Verständnis nach auch noch im Gesetz, ist dort aber wohl kaum so gemeint.

Die Wissenschaftszeitvertragsgesetznovelle ist ein Pflaster auf einer kleinen Wunde. Die Krankheit sitzt aber tiefer und bedarf vermutlich einer vollständig neuen Heilungsmethode – eines neuen Gesetzes – statt alle paar Jahre daran herumzudoktern. Allerdings ist durchaus nicht klar, dass gesetzliche Regelungen überhaupt eine Lösung bringen können.

Das Problem ist strukturell und fordert einen willentlichen Einsatz der Hochschulen und der Wissenschaftsorganisationen. Solange diese jedoch mit dem Zustand eigentlich gut leben können, wird sich wenig ändern.

Aber wieso können die Arbeitgeber gut mit den “prekären” Beschäftigungen ihrer Mitarbeiterinnen leben? Hier ist ein Exkurs angebracht, bei dem, wie überhaupt bei diesem ganzen Text, angemerkt sei, dass es sich hier um private, subjektive Ansichten und ebensolche und zudem punktuelle Erfahrungen handelt.

Wissenschaftliche Einrichtungen sind nicht generell an Dauerbeschäftigten interessiert außer im Service- und Leitungsbereich. Sie profitieren von der hohen Fluktuation. Für manche – potentiell weniger attraktive – Institutionen mag die Bindung von Personal durchaus von Interesse sein, insbesondere wenn die Angestellten ihre eigenen Mittel einwerben. Institutionen, die generell kein Interesse an dauerhafter Bindung haben, sehen sich selbst als Teilchenbeschleuniger, Brutkästen oder Durchlauferhitzer für Wissenschaftlerinnen am Anfang ihrer Karriere. Sie bereiten diese also auf ihre größeren, zukünftigen Aufgaben vor, formen die Grundlage der Karriere und der wissenschaftlichen Persönlichkeit.

Dieses Selbstbildnis erlaubt, maximal von den Leistungen der Mitarbeiterinnen zu profitieren, und dabei die eigene Verantwortung für das weitere Wohlergehen der Mitarbeiterinnen zu minimieren. Natürlich möchte man, dass die Wissenschaftlerinnen sich am Institut wohlfühlen und, wenn sie weggehen, den Ruf nähren, aber dafür reicht es, wenn es einige wenige Erfolgreiche gibt.

Das beschriebene Selbstbildnis ist meines Erachtens fehlerhaft. Es lässt sich ihm ein ebenso Fehlerhaftes entgegensetzen. Die Institute sind keine Beschleuniger oder Brutkästen. Es sind Turbinen, die von dem andauernden Fluss von Frischfleisch angetrieben werden. Der Status der Einrichtungen und auch ihre Produktivität wäre deutlich geringer, wenn sie nicht von diesem dauernden Zufluss neuer Ideen und neuer Problemlösungsansätze profitieren könnten. Dies gilt natürlich nicht zuletzt, da die befristeten Arbeitskräfte häufig gerne bereit sind, oder sich zumindest dazu gezwungen sehen, weit, oder zumindest signifikant, längere Zeiten zu arbeiten, als im Vertrag vorgesehen.

Während sowohl das Bild der Turbine wie das des Beschleunigers unvollständig sind und verzerren, provozieren sie die Frage, welcher Prozentsatz der Wissenschaftlerinnen an und durch diese Institute erfolgreich beschleunigt wird, und welcher Prozentsatz als Versagen angesehen werden muss. Der Klarheit wegen: nicht die Wissenschaftlerinnen versagen sondern die Institute.

Es geht hier nicht darum, Doktoranden und Postdoktoranden in Watte zu packen. Aber ist es sinnvoll, und vielleicht sollte man sogar fragen, ist es ethisch, wenn die Karriere von Menschen im Rückblick allein darin bestand, die Karriere ihrer Vorgesetzten, der leitenden Wissenschaftlerinnen zu fördern?

Zurück zur Frage des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes: Mehr feste Stellen lösen das Problem nicht, weniger Absolventen lösen es nicht. Oder anders formuliert, beides mag zur Lösung beitragen, greift aber nicht zum Kern durch, bzw. lindert das Problem nur ab. Was wären Ansätze das Problem zu lösen? Zunächst sei nochmal das Problem umschrieben.

Ein relativ kleiner Prozentsatz der Bevölkerung, genauer gesagt der Prozentsatz der Bevölkerung mit der besten Ausbildung, in den am meisten Steuergelder investiert wurden, hat keine Sicherheit in der Planung seiner Zukunft. Ein Zustand der dazu führt, dass diese Personen sich weder dem persönlichen Glück vollständig widmen können, noch bestmöglich dem Vorankommen des Staates oder Menschheit dienen können. Das ist hochtrabend formuliert, aber das ist der Kern. Dieser Zustand hat strukturelle Ursachen, die nicht einfach durch Geld oder Gesetze beseitigt werden können, auch wenn beides sicherlich hilft.

Strukturelle Probleme verlangen nach tiefgreifenden Eingriffen zu ihrer Beseitigung. Das Ziel, das die Regierungspressemitteilungen, wenn man zwischen den Zeilen liest, ausmachen, mag durch die Novelle der entsprechenden Gesetze erreicht werden – oder auch nicht. Das grundlegende Ziel einer vernünftigen Beschäftigung der wissenschaftlichen (und künstlerischen) Mitarbeiterinnen in der Bundesrepublik wird dadurch jedoch in keiner Weise angegangen.

Jede tiefere Lösung besitzt Nebenwirkungen, die schwer einzuschätzen sind. Dennoch bedarf es dieser tiefen Eingriffe, um das Herumdoktern zu beenden. Dies schließt, meines Erachtens, zum einen die strukturellen Grundlagen der Beschäftigung in der Wissenschaft ein, zum anderen aber auch, die Erzählungen, die Menschen zum Studium, zur Doktorarbeit, zum Eingehen einer wissenschaftlichen Karriere bewegen. Die Arbeitgeber müssen verstehen, dass sie mehr sein müssen für junge und weniger junge Arbeitnehmer als ein Inkubator, der “alle” auf größere Aufgaben vorbereitet. Wenn sie andererseits sich entscheiden, ein Sieb zu sein, durch das viele fallen können, müssen sie dies auch in ihr “Narrativ” aufnehmen. Wenn das Scheitern in der akademischen Karrieren als natürlich angesehen wird, muss es auch in der Ausbildung vom Anfang an prominenter mitgedacht und miterzählt werden.

Der Klarheit wegen sei gesagt, befristete Arbeitsverhältnisse sind nicht von vornherein etwas Schlechtes. Sie ermöglichen eine selbstgewählte Flexibilität, sie ermöglichen neue Herausforderungen, sie verhindern das Versinken in der eigenen Anspruchslosigkeit, in Sesselpupserei. Zum anderen, auch wenn das internationale Konzept des “Tenure Track” als die große Vision genannt wird, kann er nicht die Lösung für alle sein.

Tiefgreifende Eingriffe könnten klare tarifvertragliche Regelungen für wissenschaftliche Mitarbeiter sein. Wenn wir raus wollen aus den befristeten Verhältnissen, so wären zum Beispiel Kündigungsregelungen ein Weg, also zum Beispiel Verträge je nach Finanzausstattung der Arbeitgeber zu ermöglichen und zu beenden. Es wäre zwar nur eine Verlagerung der Unsicherheit, aber es wäre ein Anreiz, wirklich voller Energie in die Arbeitszeit zu gehen, statt die gesamte Zeit zu spüren, in sechs Monaten, einem Jahr, drei Jahren, sich erneut vollkommen umorientieren zu müssen. Denn, es sei noch einmal betont, das Problem ist, dass die Befristung nicht nur bedeutet, nicht zu wissen was kommt, sondern sich auch nicht an einem Ort heimisch einrichten zu können. Die Befristung betrifft nicht nur den befristet Beschäftigten, sie trifft auch den Partner und die Kinder.

Tarifliche Anpassungen und eine vollständige Umgestaltung der Beschäftigungsstruktur in den Wissenschaften sind nur ein Teil einer Lösung, und es braucht juristisch erfahrener Menschen als mich, diese Umgestaltung zu planen . Ein anderer Punkt ist, dass das Hochschulsystem zu großen Teilen darauf beruht, Menschen eine Ausbildung zu vermitteln, von der wir wissen, sie wird ihnen in dieser spezifischen Ausprägung nie wirklich nutzen. Wir bilden Menschen aus, von denen wir nicht nur wissen, dass wir sie nicht einstellen werden, sondern von denen wir ganz aktiv nicht vorhaben, sie zu beschäftigen. Zudem vermitteln wir in Fällen Wissen, das auf ein Beschäftigungsverhältnis abzielt, dass es de facto nicht gibt – und das meint hier nicht die wissenschaftliche Beschäftigung sondern das Berufsbild, das dem Studiengang zugrundeliegt. Wenn wir aber gerade das wissenschaftliche Beschäftigungsverhältnis als Beispiel nehmen, zielt selbst dort die Geschichte, die wir erzählen an der Realität vorbei. Wir mögen sagen, dass die Beschäftigung befristet und schwierig ist, wir mögen sagen, dass der Weg steinig ist, wir vermitteln aber nicht generell und aktiv, das Wissen, diesen Weg selbständig zu ebnen.

Es mag sein, dass das Folgende vielfach bereits gemacht wird, aber meine persönliche Erfahrung ist, dass viel zu wenig die Grundlagen dessen vermittelt werden, was eine einfache Lösung für befristete Arbeitsverhältnisse sein kann. Diese “einfache” Lösung ist die eigenständige oder kollaborative Einwerbung von Mitteln für die eigene Stelle. Zwar ist dies eine Lösung, die den Wettbewerb in den Mittelpunkt stellt, aber es ist eine Lösung, die jeder für sich ergreifen kann. Wie gesagt, vielleicht wird das Antragschreiben an vielen Orten aktiv gelehrt, aber mein Eindruck ist, Arbeitgeberinnen und Hochschulen bereiten Studierenden und befristet Beschäftigte zu wenig auf diese Möglichkeit vor. Überhaupt, sind die Arbeitgeberinnen nicht daran interessiert, was für die Beschäftigten kommt, wenn sie die Institutionen verlassen, sondern nur was sie von ihnen als Leistung erhalten. Und “Arbeitgeber” ließe sich in diesem Paragraph durchaus durch “wir” ersetzen.

Die Novelle des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes mag die schlimmsten Ausformungen der Befristung beseitigen. Sie mag Doktoranden mehr Sicherheit geben. Sie wird nicht dazu führen, dass die Laufbahn als Wissenschaftlerin in Deutschland attraktiver wird. Dafür bräuchte es tieferer Einschnitte in die Struktur des Wissenschaftsstandortes, wobei diese Reformen nicht einfach nur “mehr feste Stellen” oder “weniger Absolventinnen” hießen. Vielmehr bedarf es einerseits einer Anpassung des Berufsbildes des Wissenschaftlers an die Realität und andererseits an Beschäftigungsverhältnissen, welche weder ausschließlich auf Befristung setzen noch eine Unkündbarkeit voraussetzen. Die akademische und wissenschaftliche Karriere im 21. Jahrhundert zielt nicht auf die Professur ab, sondern auf die Dienstleistung zum Fortschritt des Wissens, der Gesellschaft und der Menschheit.

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