#Anthropozän

Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Eroberung, der Nutzbarmachung des Planeten. Die Menschheit hat Wege gefunden, in allen Lebensräumen der Erde und sogar jenseits des Planeten für eine Zeit zu überleben. Wenig überrascht es, dass diese Expansion und die damit verbundene Gestaltung des Planeten Spuren hinterließ.

Science veröffentlichte dieser Tage eine Studie, in der eine Gruppe internationaler Wissenschaftler um Colin Waters vom British Geological Survey diese Hinterlassenschaften dokumentiert. Genaugenommen bedeutet dies, sie dokumentieren, wie unser Fingerabdruck auf dem Planeten im frühen 21. Jahrhundert aussieht. Die Autoren sind teil der Arbeitsgruppe zum Anthropozän der Unterkommission zur Stratigraphie des Quartärs welche wiederum zur Internationalen Kopmmission zur Stratigraphie innerhalb der Internationalen Union der Geologischen Wissenschaften gehört. Die wichtigen Worte in diesem Absatz sind Anthropozän, Stratigraphie und Geologisch.

Der Ausdruck Anthropozän, das Alter des Menschen, wurde erstmals 2000 von Paul Crutzen und Eugene Stoermer populär gemacht, nachdem Stoermer ihn schon seit den 1980ern nutzte. Bereits 1873 sprach Antonio Stoppani von der “anthropozoischen Ära”. Crutzen verdeutlichte seinen Ansatz in einem Nature-Artikel in 2002 und fand es im Angesicht der menschlichen Prägung der Gegenwart angemessen für die Wissenschaft, eine neue geologische Epoche auszurufen, die dem Holozän folgt und den Namen Anthropozän trägt.

Der Vorschlag des Chemikers Crutzen wurde vielfach aufgenommen und ist inzwischen ein feststehender Begriff in verschiedensten Disziplinen von den Politikwissenschaften über die Umweltwissenschaften bis zur Geologie. Auch medial findet das Anthropozän vielfach Beachtung. Vielleicht ließe es sich sogar fast als pop-kulturelles Phänomen sehen im Angesicht von populärwissenschaftlichen Büchern und seiner Verwendung in sozialen Medien.

Nichtsdestotrotz ist das Anthropozän bisher keine definierte Unterteilung der Erdgeschichte sondern nur ein lose benutzter Begriff, den jede so nutzen kann, wie sie mag. Hier kommen nun die erwähnte Arbeitsgruppe und die Dutzenden Artikel der letzten 24 Monate ins Spiel. Die Arbeitsgruppe ist derzeit damit beschäftigt einen Vorschlag für eine formale, den Richtlinien der Stratigraphischen Kommission genügende Definition des Anthropozäns zu erarbeiten.

Dieser Vorschlag zielt darauf im Sinne Crutzens, das Anthropozän als Epoche dem Holozän folgen zu lassen. Allerdings besteht auch die Möglichkeit, das Anthropozän, nur als Unterteilung des Holozäns zu sehen. Als sogenanntes Alter wäre es dann allerdings kein Anthropozän sondern ein Anthropium, und würde einem noch zu benennenden ersten Abschnitt des Holozän folgen. Zudem besteht weiterhin die Möglichkeit, dass das Anthropozän zwar definiert wird, aber der gegenwärtige Zeitabschnitt der Erdgeschichte dennoch auf absehbare Zeit nur informell benannt ist.

Unabhängig davon, welche Stellung eine Definition eines Menschenalters haben wird, legen die Wissenschaftler um Waters eine überzeugende Liste vor, wie die Menschheit sich im geologischen Gedächtnis des Planeten eingeprägt hat. Es finden sich eine Anzahl neuer Materialien und das Vorkommen anderer Materialien hat sich durch unser Handeln geändert, unser unbeabsichtigtes in das Klima und unser In-Dienst-Stellen der Atomspaltung haben das Isotopenverhältnisse verändert, es finden sich sogenannte Technofossilien, wir haben zahlreiche Arten ausgerottet durch unser Handeln, die Lebensräume anderer Arten wurden sehr stark eingeschränkt, und zudem haben wir während unserer Expansion und unserer Erkundung des Planeten, verschiedenste Arten aus ihren angestammten Lebensräumen an Plätze gebracht, wo sie ohne unser Zutun niemals hingelangt wären. Nicht zuletzt, werden sich menschliche Fossilien über alle Kontinente verteilt finden – unter Umständen mit Ausnahme der Antarktis.

Die Autoren zeigen zudem eindrucksvoll, wie ein Großteil unseres Fingerabdrucks erst in den letzten 300 Jahren und insbesondere im 20. Jahrhundert deutlich wird. Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum sowie unsere Innovationen dehnten die Größe unseres Abdrucks massiv aus.

Für mich stellen sich in der Diskussion um das Anthropozän drei Fragen. Ist es notwendig, ist es angemessen, und ist die Definition tatsächlich nachhaltig, im Sinne von persistent?

Allerdings stellen sich diese Fragen vornehmlich bezogen auf eine potentielle Definition des Menschzeitalters auf der Stufe einer geologischen Epoche. Sie stellen sich aber bedingt auch im Blick auf die Definition eines Anthropiums.

Aus meiner Sicht, und ich bin weder Geologe noch erinnere ich gerade alle Artikel, die ich zum Thema las, ist die Definition nicht notwendig. Wissenschaftler nutzen und brauchen Definitionen zur Abgrenzung von verschiedenen Dingen, zur Begriffsklärung. Da Stratrigraphie eine geologische Disziplin ist, sollte eine solche Definition zuvorderst der Geologie nutzen. Wo ich den Sinn der Definition des “Kürzlichen” durch das Holozän noch nachvollziehen kann, bleibt mir unklar, aber ich mag falsch liegen, welchen Nutzen die Geologie aus der Definition eines Anthropozän zöge – außer dass sie und ihre Mitglieder eine Menschheitsfrage oder zumindest Medienfrage per Definition beantworten können. Anders formuliert, eine Geologin in zehn Tausend oder zehn Millionen Jahren, wird sicherlich einen Nutzen an einer Definition haben, die ihr signalisiert, dass diese stratigraphische Serie von der Menschheit geprägt wurde. Ihr wird der bleibende Fingerabdruck signalisieren, wann die Menschheit zu einer geologischen Kraft wurde, oder, biostratigraphisch, wann die Menschheit alle großen Landmassen des Planeten betreten hatte. Wobei diese Landmassen in 10 Millionen Jahren deutlich anders aussehen werden.

Einen Nutzen hatte die Diskussion um das Zeitalter des Menschen jedoch unzweifelhaft bereits. Sie verdeutlichte, welchen Einfluss die Menschheit nicht nur im Hier und Jetzt auf den Planeten hat, sondern wie sie ihn im Bezug zur fernen Vergangenheit und der nicht allzu nahen Zukunft geprägt hat. Andererseits zeigt der weitverbreitete Gebrauch des Begriffs auch, dass andere Felder der Wissenschaft durchaus Bedarf an einem Anthropozän haben. Nicht nur die Klima- und Umweltwissenschaften beschäftigen sich mit dem wachsenden Einfluss der Menschheit auf Teilaspekte unseres Planetens.

Ich persönlich finde es eher unangemessen, ein Menschenzeitalter zeitgenössisch auszurufen. Als solches hat die Diskussion für meinen Geschmack ein zu sehr anthropozentrischen Fokus. Es erscheint vielfach als gehe es vornehmlich darum, den Menschen als Krone der Schöpfung zu re-etablieren. Die Ausrufung des Menschenzeitalters ist in meinen Augen ein Zeichen von Hochmut. Insbesondere, da ein Großteil unseres Fingerabdrucks in den letzten 100 Jahren entstand, ist es in der Tat eine zeitgenössische Ausrufung. Wir könnten im gleichen Atemzug sogar Personen benennen, die unser Zeitalter begründen.

Des Weiteren bräche eine solche Ausrufung (erneut) mit der klassischen zeitlichen Dimension der stratigraphischen Einheiten. Natürlich ist dies insofern angemessen, als wir in unserer Einteilung der Erdgeschichte auf die verfügbaren Beweise angewiesen sind, und deren zeitliche Auflösung und Zuordbarkeit ist desto höher, je weniger lang die Vergangenheit vergangen ist. Wo Zeitalter zumeist Millionen von Jahren dauerten und Epochen gar mehrere Zehnmillionen Jahre, löst die Holozän-Epoche das Zeitalter des Tarantium bereits nach 100.000 Jahren ab, wo das Ionium-Zeitalter noch 600.000 Jahre dauerte, und das Calabrium 1 Million Jahre. Nichtsdestotrotz führte ein Menschenzeitalter die klassische Einteilung teilweise ad absurdum.

In gewissem Sinne stehen wir mit dem Anthropozän zwischen Geologie, der Wissenschaft von der Beschaffenheit des Planeten und seiner Vergangenheit, und Geschichtswissenschaft, der Wissenschaft von der Vergangenheit des Menschen. Folgte man der Einordnung von Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit in die Gegenwart, so ließe sich sicherlich in jüngerer Vergangenheit von Kohle-, Öl-, und Nuklearzeit reden, wobei unklar bliebe, wie es in der nahen Zukunft weitergeht. Für mich stellt sich die Frage nach der Angemessenheit einer Ausrufung des Anthropozäns nicht zuletzt als: Ist das Anthropozän mehr eine geschichts- (und sozial-)wissenschaftliche denn ein erdwissenschaftliche Frage?

Waters und Kollegen berühren in ihrer Arbeit kurz den Punkt der Persistenz und der Erhaltung des anthropogenen Signals durch die Zeit hindurch. Sie gehen aber nicht ausführlicher darauf ein. Eine Reihe der Belege für unseren Abdruck auf dem Planeten sind tatsächlich offenkundig dadurch charakterisiert, dass sie auch in nicht allzu naher Zukunft noch erkennbar sein werden. Allerdings schließt die Frage nach der Nachhaltigkeit unseres Einflusses nicht nur die Erhaltung durch die Zeit ein sondern auch, wie lange unser Einfluss anhält. Jede Klassifizierung des Anthropozäns, die mehr oder weniger mit der industriellen Revolution beginnt, rät in die Zukunft. Auch wenn es eher unwahrscheinlich erscheint, sollte die Frage gestellt werden: sind 100 Jahre, sind 500 Jahre, sind 1000 Jahre ein Erdzeitalter? Nehmen wir an, aus irgendeinem Grund verschwinde die menschliche Zivilisation, wie wir sie kennen nach dem Ende des 21. Jahrhunderts, was ist dann mit diesem Menschenzeitalter? Nehmen wir an, unser Einfluss beschleunigt sich weiter, muss dann der Beginn nach hinten verschoben werden?

Für mich macht einen zukunftsgewandte Definition eines Erdzeitalters keinen Sinn. Das Anthropozän ist ein sinnvolles geschichtswissenschaftliches, sozialwissenschaftliches und wahrscheinlich auch anthropologisches Konzept. Geologisch aber finde ich eine solch auf die Zukunft bezogene Definition unangemessen und zweifle ihren Nutzen an. Unsere Unfähigkeit zu wissen, was sein wird, lässt an der Persistenz des Begriffs zweifeln.

Für mich ist das Holozän auch das Anthropozän. Wie Waters und Kollegen anmerken: “12.000 Jahre vor heute, ungefähr zum Beginn des Holozän, hatten Menschen alle Kontinente kolonisiert außer die Antarktis.” Dies ist in meinen Augen der entscheidende Punkt für ein Menschenzeitalter. Die Definition des Holozän soll für uns die jüngste Erdgeschichte und den Beginn unserer Geschichte greifbar machen. Das tut sie. Eines Anthropozäns bedarf es hierfür nicht. Ich habe weniger starke Abneigung gegen ein Anthropium, aber selbst dies erscheint mir voreilig. Eine informelle Definition würde der Bedeutung des Menschenalters für die Geologie am ehesten gerecht werden. Alles andere ist mehr eine Fragestellung der Menschheitsgeschichte denn der Erdgeschichte.

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